Nachhaltigkeit I Produktion

Outdoorrucksack: Ist Produktion in Europa automatisch nachhaltiger?

„Made in Europe“ wird häufig mit einer nachhaltigeren Produktion verbunden. Kurze Transportwege, strengere Umweltstandards und bessere Arbeitsbedingungen sprechen auf den ersten Blick dafür, einen Outdoorrucksack in Europa statt in Asien zu produzieren. Doch eine solche Betrachtung greift zu kurz.

Gerade bei technisch anspruchsvollen Outdoorrucksäcken liegt ein großer Teil der Wertschöpfung außerhalb Europas. Das gilt insbesondere für synthetische Materialien wie Nylon oder Polyester, aber auch für zahlreiche Komponenten wie Reißverschlüsse, Schnallen, Kordeln, Gurte und Beschichtungen.


Der Blick auf die gesamte Lieferkette

Ein Rucksack besteht aus wesentlich mehr als aus dem eigentlichen Oberstoff. Betrachtet man beispielsweise einen Rucksack aus recyceltem Nylon, beginnt die Lieferkette bereits bei der Herstellung bzw. Aufbereitung des Ausgangsmaterials. Daraus werden Fasern und anschließend Garne und Gewebe hergestellt. Hinzu kommen Beschichtungen und weitere Veredelungsschritte, die ebenfalls Teil der Materialproduktion sind.

Ähnlich sieht es bei den Komponenten aus. Viele für technische Outdoorprodukte verwendete Materialien und Komponenten stammen aus globalen Lieferketten. Insbesondere die textile Vorproduktion ist stark internationalisiert und findet zu einem großen Teil außerhalb Europas statt. Wird der Rucksack anschließend in Europa konfektioniert, müssen diese Komponenten zunächst nach Europa transportiert werden.

Wie groß ist der tatsächliche Nachhaltigkeitsvorteil einer europäischen Konfektionierung, wenn ein Großteil der Materialien und Komponenten bereits um die halbe Welt transportiert wurde?

Bei der Produktion in Asien können Materialherstellung und Konfektionierung geografisch näher beieinander liegen. Wenn Stoffe, Reißverschlüsse, Schnallen und andere Komponenten aus derselben asiatischen Lieferkette stammen, können mehrere Transportwege innerhalb der Region entfallen oder zumindest kürzer ausfallen.

Wird derselbe Rucksack dagegen in Europa gefertigt, müssen die Materialien zunächst aus Asien nach Europa transportiert werden. Anschließend findet die Konfektionierung in Europa statt. Für den fertigen Rucksack entfällt zwar ein weiterer Transport von Asien nach Europa, dafür entsteht ein zusätzlicher interkontinentaler Transport der Einzelkomponenten.

Dabei müssen mehrere Faktoren berücksichtigt werden:

  • Herstellung und Aufbereitung der Rohmaterialien

  • Herstellung der Fasern, Garne und Stoffe

  • Färbung, Beschichtung und weitere Veredelungen

  • Herstellung von Reißverschlüssen, Schnallen und anderen Komponenten

  • Transporte der einzelnen Materialien und Komponenten

  • Energieverbrauch und Energiemix der Produktionsstandorte

  • Wasser- und Chemikalieneinsatz

  • eigentliche Konfektionierung des Rucksacks

  • Verpackung und Transport des fertigen Produkts

  • Lebensdauer und Reparierbarkeit des Rucksacks

Transport ist wichtig – aber nicht der einzige Faktor

Eine häufige Vereinfachung besteht darin, allein die Entfernung zwischen Produktionsstätte und Absatzmarkt zu betrachten. Ein in Europa gefertigter Rucksack hat möglicherweise einen kürzeren Weg zum europäischen Kunden. Daraus lässt sich jedoch noch nicht automatisch eine bessere Ökobilanz ableiten.

Bei einem komplexen Produkt wie einem Outdoorrucksack muss der Transport jedes einzelnen Vorprodukts berücksichtigt werden. Ein Stoff, der aus Asien nach Europa transportiert wird, legt dabei einen anderen Weg zurück als ein Reißverschluss, der von einem asiatischen Zulieferer zu einer Konfektionsfabrik in Vietnam geliefert wird.

Zudem ist die Art des Transports entscheidend. Seefracht verursacht pro transportiertem Kilogramm vergleichsweise geringe Emissionen. Deshalb kann ein langer Transport per Schiff unter Umständen weniger ins Gewicht fallen als erwartet. Besonders relevant werden dagegen Luftfracht und Transporte kleiner Mengen, beispielsweise bei zeitkritischen Lieferketten.

Energie und Produktionsbedingungen

Neben den Transportwegen spielt der Energieverbrauch der Produktion eine wichtige Rolle. Schneiden, Nähen, Bügeln, Verpressen oder andere Konfektionsschritte benötigen zwar Energie, doch bei einem Rucksack kann die Herstellung des synthetischen Materials selbst einen erheblichen Anteil der Umweltwirkungen ausmachen.

Deshalb wäre es zu kurz gegriffen, allein die europäische Konfektionsfabrik mit einer Fabrik in Vietnam zu vergleichen. Vielmehr müsste man die gesamte Prozesskette vergleichen.

Auch soziale und ökologische Produktionsstandards gehören in die Bewertung. Europäische Produktionsstandorte unterliegen in der Regel strengeren gesetzlichen Vorgaben hinsichtlich Arbeitsbedingungen, Umwelt- und Chemikalienmanagement. Das kann ein wichtiger Vorteil europäischer Produktion sein. Gleichzeitig bedeutet eine Produktion in Europa nicht automatisch, dass alle vorgelagerten Produktionsschritte unter europäischen Standards stattgefunden haben.

Die Frage „Europa oder Asien?“ lässt sich nicht pauschal beantworten. Eine europäische Produktion kann Vorteile haben – etwa bei Arbeitsbedingungen, Qualitätskontrolle, Reparaturmöglichkeiten, Transparenz und möglicherweise beim Transport des fertigen Produkts. Ökologisch ist sie jedoch nicht automatisch überlegen.

Wenn die wesentlichen Materialien und Komponenten weiterhin aus Asien kommen, verlagert sich ein Teil der Lieferkette lediglich nach Europa. Für eine fundierte Entscheidung müsste daher eine Lebenszyklusbetrachtung (Life Cycle Assessment, LCA) durchgeführt werden, die sämtliche relevanten Produktions- und Transportprozesse einschließt.

Eine wirklich nachhaltige Produktion müsste deshalb nicht nur die Konfektionierung betrachten, sondern auch Materialien, Komponenten, Energie, Transporte, Lebensdauer, Reparierbarkeit und letztlich das Recycling am Ende der Nutzungsdauer. Erst wenn all diese Faktoren gemeinsam betrachtet werden, lässt sich seriös beurteilen, ob ein in Europa produzierter Rucksack tatsächlich nachhaltiger ist als sein in Asien produziertes Pendant.